Das Abendland ist auch muslimisch

Das Abendland ist auch muslimisch

Von Imam Benjamin Idriz

Alle heute in Europa lebendigen Religionen waren auf diesem Kontinent ursprünglich einmal fremd. Nicht anders als der Islam stammen das Judentum und das Christentum aus dem Osten, und neben diesen hat auch der Islam europäische Identität mit geprägt. Gläubige der drei abrahamitischen Religionen haben den Werdegang Europas durch die Geschichte hindurch ebenso begleitet und gestaltet, wie die sich entwickelnde Wissenschaft, die Kunst, die Industrie und die Demokratie. Nachdem der Islam auf ganz unterschiedlichen Wegen vom 8. bis zum 15. Jahrhundert in Andalusien im Westen blühte, ab dem 14. Jahrhundert auf dem Balkan im Osten heimisch wurde und mit dem 20. Jahrhundert auch in Mitteleuropa begonnen hat, Wurzeln zu entwickeln, ist er aus dem Selbstverständnis des Kontinents nicht mehr weg zu denken. Das Fränkische Reich Karls des Großen profitierte von der Interaktion mit dem Kalifen Harun al-Raschid, der in Bagdad das Dar ul-Hikmah, das „Haus der Weisheit“ gründete, wo griechische Philosophie ins Arabische übersetzt und verbreitet wurde. Es waren die Werke des Andalusiers, also eines Europäers, Ibn Rushd, vielen besser bekannt als Averroës, die dem katholischen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin Zugang zum Geist des Aristoteles vermittelten.
Für die muslimischen Regionen Europas waren Austausch und Konvivenz mit Christen und Juden kennzeichnend. In diesen Interaktionen liegt unsere gemeinsame Vergangenheit, gestaltet sich unsere Gegenwart und wird sich unsere Zukunft formieren.
Anders als infolge der so genannten „Reconquista“ und der Vertreibung der Juden und Muslime aus Spanien, wurde die islamische Kultur auf dem Balkan mit dem Rückzug der Osmanen aus Bosnien nicht gewaltsam ausgelöscht. Die tolerante Herrschaft des katholischen Kaisers Franz Joseph von Österreich-Ungarn (1848-1916) ermöglichte die Bewahrung islamischer Identität und öffnete gleichzeitig neue Wege der Weiterentwicklung und der Integration in einem gemeinsamen Werte- und Herrschaftssystem. Das 1887 in einem prächtigen ost-westlichen Stil erbaute Gebäude Mekteb-i Nuvvab in Sarajewo, das die älteste Fakultät für islamische Wissenschaft in Europa beherbergt, sowie die ebenfalls in jener Zeit geschaffene Institution des Reisu-l-ulema als geistiges Oberhaupt und Repräsentanz der Muslime, künden noch heute von der Offenheit und Weitsicht des christlichen Monarchen. Angesichts der Probleme, die Muslime heute in Europa zu bewältigen haben, vermisst man auf der einen Seite Politiker mit ähnlichen Fähigkeiten wie Aufrichtigkeit und Mut. Auf der anderen Seite fehlen aber auch islamische Visionäre wie seinerzeit zum Beispiel Džemaludin Čaušević (1870-1938), der das Bedürfnis nach einem an Europa orientierten islamischen Selbstverständnis zu fördern und zu erfüllen vermochte. Weder hat damals Franz Joseph „islamische Werte“ zur Disposition gestellt, noch Čaušević „europäische Werte“, sodass Europa und Islam nicht als gegensätzlich zueinander aufgefasst wurden.

Muslime in Europa
Nicht nur von der Inquisition wurden Muslime in Europa verfolgt. Zuletzt litten sie unter der Aggression des Krieges in Bosnien und in Kosovo, deren tragischen Höhepunkt die Massaker von Srebrenica markierten. Dennoch ist der Wunsch nach einem gemeinsamen Zuhause mit Christen, Juden und auch religionsfernen Menschen gerade bei Muslimen groß, vielleicht sogar besonders groß. Die trotz Jahrhunderte langer Kriege kontinuierlich in Osteuropa beheimateten Muslime, sowie die ab der Mitte des 20. Jahrhunderts auf der westeuropäischen Bühne sichtbar werdenden Muslime, können wir in vier Gruppen gliedern:

1.) Autochthone Muslime: Europäische Muslime, deren Vorfahren vor Hunderten von Jahren hierher kamen, die also hier geboren und seit vielen Generationen hier beheimatet sind. Sie sind nach ihrer geographischen und ihrer religiösen Zugehörigkeit mit Europa zu identifizieren. Diese Gruppe umfasst rund 10 Millionen Menschen in Bulgarien, Rumänien, Griechenland (West-Thrakien), Albanien, Mazedonien, Kosovo, Serbien, Montenegro, Bosnien, Kroatien und Slowenien. In diesen Ländern existieren längst feste religiöse Strukturen. Langjährige Erfahrungen im Bereich theologischer Ausbildung auf schulischer und universitärer Ebene haben besonders Bosnien, Kosovo und Mazedonien aufzuweisen. Bosniakische und albanische Muslime, die aus diesen Ländern aufgrund von Verfolgung oder aus wirtschaftlichen Motiven nach Westeuropa migriert sind, bilden in der Schweiz und in Schweden die größte, in Deutschland und Österreich die zweitgrößte Gruppe der Muslime. Für sie liegt sowohl ihre alte, wie ihre neue Heimat in Europa. Wenn ein in Deutschland lebender und arbeitender Muslim aus Bosnien, dem Kosovo oder aus Griechenland im Urlaub in sein Herkunftsland fährt, dann begibt er sich lediglich vom westlichen Teil Europas in den östlichen. Mit beiden Beinen steht er in Europa, mit seinem Denken und seiner Seele – er kann europäischer Kultur gar nicht fremd sein. Nicht anders als Katholiken, Protestanten oder Juden sind Bosniaken, Albanern oder West-Thraker Hausherren in Europa.

2.) Migrierte Muslime: Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich aus unterschiedlichen Motiven – Suche nach Arbeit, Flucht vor Verfolgung, Streben nach Bildung – Muslime aus der Türkei, dem Nahen Osten, Asien oder Afrika in westeuropäischen Ländern wie Österreich, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Niederlande, Belgien, der Schweiz, Italien, Spanien und den skandinavischen Ländern niedergelassen. Der wohl größte Teil dieser Migranten lebt mit einem Bein an ihrem neuen Wohnort, mit dem anderen aber weiterhin in ihrem Geburtsland. Physisch befinden sie sich in den Ländern, in denen sie jetzt leben und arbeiten, mit ihren Gedanken und Empfindungen sind viele von ihnen dort geblieben, wo sie geboren wurden und aufgewachsen sind. Ihr Leben spielt sich in eigenen Welten, in so genannten Parallelgesellschaften, ab, in überwiegend einer Kultur und einer Sprache, welche beide dem Umfeld, in dem sie leben, fremd sind. Häufig stammen solche Muslime, die die große Mehrheit der ersten und oft auch noch zweiten Generation der Muslime in Westeuropa umfassen, aus ländlichen Regionen der Herkunftsländer oder aus dem Arbeitermillieu, mit entsprechend niedrigem Bildungsstand. Durch sowohl eigene, wie auch staatliche und gesellschaftliche Versäumnisse bedingt, haben diese Kreise bis heute die größten Schwierigkeiten, wirklich heimisch zu werden. Nachdem sie zu einem erheblichen Teil zum wirtschaftlichen Erfolg und steigenden Wohlstand Europas beigetragen haben und nun eigentlich ein geruhsames Rentnerdasein genießen sollten, fehlt es weitgehend an geeigneter Betreuung. Während tagtäglich ihre Sterberaten ansteigen, haben weder die muslimischen Organisationen noch der Staat bisher Antworten auf die Erwartungen und Bedürfnisse dieser Menschen gefunden.

3.) In Europa geborene Muslime: Die neue und junge, dritte Generation der Muslime in Westeuropa wächst überwiegend mit zwei Kulturen und Sprachen auf. Viele von ihnen haben die Staatsbürgerschaft des Landes erworben, in dem sie selbst geboren sind. Wiewohl sie alle ähnliche Voraussetzungen mitbringen, empfinden es einige von ihnen als Dilemma, sich weder mit der sie umgebenden Kultur, noch mit der der Eltern und Großeltern, vollständig identifizieren zu können. Manche fühlen sich der östlichen Kultur näher. Viele aber verstehen sich selbst nicht mehr als fremd, sondern sind mit (west-)europäischen Sprachen und westlicher Lebensart vertraut und glücklich mit ihrer europäischen Identität. Erhebliche Unterschiede sind oft zwischen dieser dritten Generation muslimischer Jugendlicher und der ersten und zum Teil zweiten Generation, die andere Sozialisierungsprozesse erlebt haben, in Bezug auf die Lebensweise und auf religiöse Einstellungen auszumachen. Viele Jugendliche zeigen gute und sehr gute Leistungen in Schule und Beruf und sind erfolgreich in die Gesellschaft integriert. Wenn andere, die durch falsche Erziehung im Elternhaus, schulische Überforderung, negative Beeinflussung durch ihr Lebensumfeld, und verstärkt durch das Gefühl von Ausgrenzung und Diskriminierung durch die Gesellschaft zum Problem werden, verdecken sie in der öffentlichen Wahrnehmung leicht die Leistungen und Erfolge der Mehrheit. Das Potential der Jugendlichen, die sich zum Nutzen aller in die Gesellschaft einbringen wollen und können, die zwei Kulturen und Sprachen verbinden, ist im Bewusstsein der Öffentlichkeit noch kaum präsent. Als geborene und gewachsene Brückenbauer können sie in Zukunft zwischen West und Ost in Wirtschaft, Kultur und Politik produktiv wirken.

4.) Neue autochthone Muslime: In der Vergangenheit sind muslimische Gemeinschaften in Europa als Folge zunächst militärischer Eroberungen, dann oft auch kultureller und gesellschaftlicher Anziehungskraft entstanden und gewachsen. Ganz anders ist heute eine in die Hunderttausende gehende Zahl von Europäern motiviert, die ohne oder eher entgegen gesellschaftlicher Vorgaben den Islam als ihre neue Religion gewählt haben, sei es durch Kontakte mit anderen Muslimen, bedingt durch Heirat, oder schlicht als Ergebnis eigener Suche. Viele von ihnen fühlen sich nun einerseits ihrer weitgehend säkular oder religiös anders geprägten Gesellschaft in gewisser Weise entfremdet, andererseits sprechen die bestehenden muslimischen Organisationen, die als Migrantenverbände auf fremden nationalen, ideologischen oder politischen Fundamenten aufbauen, sie nicht an. In dem hier entstehenden Vakuum wird die Gefahr religiöser Desorientierung im Sinne eines Abdriftens in fragwürdige und extremistische Strömungen in Einzelfällen relevant. Andererseits haben Kreise der neuen, einheimischen Muslime angesichts ausbleibender Initiativen sowohl der Verbände wie der Behörden, selbst mit dem Aufbau neuer Strukturen begonnen. Indem ihr Glaube nicht mit Jahrhunderte alten Traditionen anderer Länder vermischt, bzw. belastet ist, sie uneingeschränkt hier zuhause sind, und zudem häufig über einen hohen Bildungsstand verfügen, werden sie – englische, deutsche oder französische Muslime – in Zukunft zweifellos bei der Gestaltung des Islams in Europa maßgebliche Rollen einnehmen.

Europa hat in der jüngsten Vergangenheit den Genozid an Muslimen im ehemaligen Jugoslawien zugelassen, hat Jahrzehnte lang kein ernsthaftes Interesse an der Integration muslimischer Arbeiter mit Migrationshintergrund aufgebracht, zeigt noch immer den Erwartungen und Bedürfnissen der neuen muslimischen Generation und der eigenen muslimischstämmigen Bürger kein ausreichendes Entgegenkommen, ergreift keine überzeugenden Maßnahmen zur Verhinderung islamfeindlicher Aktivitäten. Europa macht heute eine Prüfungsphase vor seiner Geschichte durch. Wenn Europa getreu seiner tief verwurzelten Traditionen und Werte seine muslimischen Bürger nicht länger als „die Anderen“ betrachtet und behandelt, dann wird es, wie früher, auch in Zukunft auf der Grundlage jüdisch-christlich-muslimischer Einigkeit sicher und selbstbewusst sein. Davon wird der Verlauf des 21. Jahrhunderts maßgeblich abhängen.

Europäische Muslime der neuen Generation
Es wächst in Europa eine neue Generation heran, die sich selbst als „europäische Muslime“ definiert. Sie „verlinkt“ die Kulturen, verbindet den Islam und die Moderne, arbeitet konstruktiv und nach Weltmaßstäben. Sie hat keine Scheu davor, sich einzubringen und wettzueifern. Sie will der Gemeinschaft, dem Land, ja der Menschheit insgesamt dienlich sein und ist dies auch. Sie sieht im Anderen keinen Gegner und Feind, sie instrumentalisiert nicht Religion für Politik, sie denkt und fühlt nicht nationalistisch, und sie ist bemüht, die kulturellen, wissenschaftlichen, humanen, ethischen und ästhetischen Dimensionen der Religion zu entwickeln.
Bei der Identitätsfindung dieser neuen Generation sind nun die muslimischen Gemeinden, aber auch der Staat und die Gesellschaft überhaupt gefordert, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt auch für die Suche nach Imamen und islamischen Gelehrten, die in der Sprache und in der Kultur, in der sie leben, zuhause sind. Und es gilt beim Aufbau moderner Strukturen. Bei der Ablösung fremdgesteuerter und nach außen gerichteter Orientierungen durch ein funktionierendes, unabhängiges und demokratisches System.
Die Lehre und das Wertesystem des Islams sind entstanden, um fünf fundamentale Rechte zu schützen: Das Recht auf Religion, auf Leben, Eigentum, Vernunft und Nachkommenschaft. Auch das im Westen entwickelte Wertesystem schützt diese Rechte. Sie lassen sich keiner bestimmten Philosophie oder Ideologie zuordnen, sondern gelten als universale Rechte der ganzen Menschheit. Über sie hinaus ist die neue Generation um Werte wie Ehrlichkeit, Empathie und Moral bemüht. Daraus ergibt sich, dass man das, was man für sich selbst wünscht, auch anderen wünscht, und umgekehrt: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu!“ Es bedeutet, dass niemand Angst vor uns haben muss, nicht vor unseren Händen, nicht vor unseren Worten, nicht vor unseren Gedanken. Es bedeutet, genau so zu sein, wie man erscheint, und genauso zu erscheinen, wie man ist. Es bedeutet, immer und überall gegen Unrecht und für Gerechtigkeit einzutreten, unabhängig davon, wer zu den Tätern und wer zu den Opfern gehört. Es bedeutet, dass der Mensch als Mensch gilt und das Umfeld nicht anderes behandelt wird, als wenn es sich um die eigene Familie handeln würde. Es bedeutet auch, Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen zu pflegen und zu achten. Es bedeutet ferner, Religion und Wissenschaft miteinander zu versöhnen, Verstand und Geist nicht auseinander zu reißen. Für den Materialismus nicht den Geist zu töten, aber auch nicht für den Geist die Realität zu verleugnen. Es bedeutet, die Wärme des östlichen mit dem Verantwortungsgefühl des westlichen Menschen zu vereinen. Es bedeutet, die Sprache des Ostens, die das Geheimnis des Universums und der Liebe manifestiert, mit der Sprache des Westens, die das Lebenstalent des Verstandes zum Ausdruck bringt, in Einklang zu bringen. Es bedeutet, ein offenes Ohr zu haben für den lauter werdenden Ruf nach Liebe, Gerechtigkeit und nach Glauben aus dem Osten und für den lauter werden Ruf nach Vernunft, Freiheit, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie aus dem Westen.
Für alle Europäer gemeinsame Werte müssen sein: die Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat, uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit, Pluralismus des Denkens, der Religionen, Sprachen und Ethnien, Sicherheit des Einzelnen wie des Landes, Bildung und Erziehung, Toleranz und Vertrauen innerhalb der Gesellschaft und Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Individuen, Bewahrung der Schöpfung. Unser aller gemeinsames Ziel muss sein, Entwicklungen zu bekämpfen, die diese Werte in Frage stellen, wie Vorurteile und Diskriminierung, Doppelmoral, Ungerechtigkeit, Korruption, Hass, Extremismus, Parallelgesellschaften, Gewalt in jeglicher Form. Um diese Werte durchzusetzen, müssen wir uns von der Basis bis zur Spitze verbünden. Falls wir diese gemeinsame Orientierung als ‚Leitkultur‘ verstehen wollen, dann sollten Muslime eine aktive Rolle in ihrer Verwirklichung einnehmen. Wenn das gelingt, brauchen wir weder auf der einen Seite eine „Assimilation“ zu fürchten, noch auf der anderen „Parallelgesellschaften“ als Symptom einer gescheiterten Integration.
Freilich dürfen wir nicht außer Acht lassen, dass in der Gesellschaft, unter Muslimen wie unter Nicht-Muslimen, durchaus nicht alle diese Werte und Hoffnungen teilen. Wir erleben auch fanatische Anschauungen und stellen fest, dass manche sich aus der Gesellschaft absondern, diesem Land und seinen Menschen keine echte Sympathie entgegenbringen, obwohl sie hier leben. Gerade deshalb sind Staat und Gesellschaft aufgerufen, mit denjenigen zusammen zu arbeiten, die bei Bewahrung ihrer Identität sich erfolgreich integriert haben oder dazu bereit sind. Zu Recht wird permanent von Muslimen gefordert, sich in ihrem Lebensumfeld einzubringen. Gleichzeitig können diejenigen, die genau dies tun, erleben, dass gerade sie als Bedrohung dargestellt, benachteiligt und anstatt gefördert selbst von staatlichen Stellen diffamiert und behindert werden. Alle Integrationsbemühungen werden so zu Makulatur. Die Lippenbekenntnisse der betreffenden Politiker wecken dann nur noch verstärkt Misstrauen und bewirken gerade eine Zunahme von Abgrenzungstendenzen und letztlich von Extremismus.