ZIE-M und soziale Integration

Integration darf nicht scheitern!

Von Gönül Yerli

Mancherorts bekommen wir das Gefühl, dass der Terminus „Integration“ nun langsam für Einige zu viel wird. Tatsache ist aber, dass wir nicht nur aktuell, sondern auch sehr rege darüber im Diskurs sind. Das kann man nun unterschiedlich bewerten. Entweder wollen wir keine Integration oder wir haben sie bereits abgeschlossen. Wie auch immer. Wir glauben: Integration beginnt im Kopf und am Ort. Und deshalb glauben wir auch fest daran, dass wir nur dann sichtbare Erfolge verbuchen, wenn wir die Betroffenen dort abholen, wo sie stehen, am Fuße des Integrationsgipfels. Und dies wiederum wird nur dann fruchten, wenn wir in unsere Bemühungen muslimische Führungskräfte einbeziehen und die Plätze der Interaktion von Muslimen aufsuchen, in Moscheen, in Wohnungen, in Cafes und auf den Spielplatz gehen. Integration muss zu einer Aktion wachsen, die von Muslimen selber kommt. Es ist nun mal so, dass ein Imam oder ein angesehener Muslim, in seinen eigenen Reihen mehr bewirken kann – diese Erfahrung haben wir durchaus gemacht – als ein Minister, ein Politiker oder ein Autor, der hier und da mal in den Medien auftritt und zum Thema, manchmal nicht unbedingt qualifizierte und konstruktive Stellungnahmen abgibt.
Spätestens jetzt sollte die Frage gestellt werden. „Was heißt Integration und vor allem wo und wie beginnt und endet sie“?

Nach unserem Ermessen beginnt sie zunächst bei der sprachlichen Integration, die wie ein Schlüssel alle weiteren Schritte öffnet, führt über das kulturelle Verständnis und die Anerkennung des europäischen Grundwertekonsens bis hin zum Erwerb der Staatsbürgerschaft.

Integration ist – im wahrsten Sinne des Wortes – teuer. Die Bertelsmann Studie hat sie jährlich auf 16 Milliarden Euro beziffert. Natürlich ist es besser, in Integration zu investieren, denn nachzuholende Integration oder gar verfehlte Integration ist immer teurer, besonders im Hinblick jeder einzelnen Lebensperspektive.
Wenn wir heute über Integration sprechen, dann eigentlich unweigerlich über die Integration von Muslimen und dem Islam. Deshalb werden sie bitte verstehen, wenn ich in meinen Ausführungen immer wieder auf die Muslime im Allgemeinen zurückgreife. Bisher gibt es eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit den Defiziten, aber auch Erfolgsgeschichten der Integration beschäftigen. Die letzte Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung spiegelt leider größtenteils die öffentliche und politische Meinung wieder.

In unserer heutigen Weltordnung entscheiden Bildung und Ausbildung den Zugang zur zentralen gesellschaftlichen Partizipation. Deshalb liegt ein großes Interesse vom ZIEM an dieser gewichtigen Bildungsarbeit.
In der frühkindlichen Erziehung angefangen fehlt es oftmals den Eltern an Hilfestellungen in sprachlicher und kultureller Hinsicht. Die Kinder wachsen mit mangelnder außerschulischer Förderung auf, bedingt durch geringe kulturelle und ökonomische Ressourcen der Eltern. Zudem wirken sich die erhöhten Anforderungen an die Erziehungskompetenz der Eltern nachteilig auf die außerschulische Förderung der Kinder aus. Die mangelnden Bildungserfolge der Kinder und der Jugendlichen bewirken wiederum geringe Erfolge auf dem Arbeitsmarkt. Hilfe gäbe es zu Genüge, aber der Mangel am Wissen im Bezug auf die vorhandene soziale Infrastruktur in München, ist ebenso groß, wie häufig die Hemmschwelle, solche aufzusuchen, da Manches als nicht kompatibel mit islamischer Lebensweise angesehen wird. Eine Anlaufstelle soll Muslime ermutigen und unterstützen, an den zur Verfügung stehenden Ressourcen und Angeboten von Staat und Gesellschaft bewusst teilzuhaben. Insbesondere ist es wichtig an der Akzeptanz der bereits existierenden Beratungsstellen zu arbeiten und  Familien auf dem Weg in die hiesige Gesellschaft beratend und begleitend bei Seite zu stehen. Denn in den Familien beginnen die Problemansätze vor allem der heranwachsenden jungen Generation, die nicht alleine aus dem Gesamtgesellschaftlichen Leben, in der Schule, im Beruf oder im Freundeskreis entstehen.
Unzureichende Bildung- und Ausbildung, die sich wiederum in der hohen Jugendarbeitslosigkeit niederschlagen, damit mangelnde Zukunftsperspektiven, soziale Ausgrenzung und Diskriminierungen in der Familie und im öffentlichen Raum, diese meist geballt in den problembelasteten und ethnisch verdichteten Stadtteilen, aber auch die zunehmende Globalisierung der Konfliktherde weltweit, sind Erfahrungen Jugendlicher in der schwierigen Phase ihrer Identitätsbildung. Muslimische Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund sehen sich häufig als Verlierer dieser Gesellschaft. Sie werden als potenzielle Gefahrenquelle angesehen, als nicht integrierbar in die pluralistische europäische Gesellschaft. Es herrschen Ratlosigkeit und Stagnation, mangelndes Wissen oder verzerrte Vorstellungen um die eigenen religiösen Wurzeln und Zukunftsangst.
Wir möchten diesen Jugendlichen ein Forum bieten, um über ihren Glauben im europäischen Kontext neu nachzudenken und sich mit den Fragen der Zukunft zu befassen. ZIEM möchte Jugendliche, insbesondere muslimische Mädchen ermutigen, Anstrengungen auf sich zu nehmen, an sich zu arbeiten und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Im Sinne einer islamischen Lebenshaltung müssen sie in Achtung vor den unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens Verantwortung übernehmen und sich den Herausforderungen der Gesellschaft stellen. Wir möchten ihnen bei der Bewältigung der verschiedenen Lebensphasen beistehen, damit sie gemeinschaftsfähige, engagierte und konstruktive Bürger dieser Gesellschaft werden.
Das könnte z.B. die Aufgabe des Interkulturellen Kindergartens sein, dass sich das ZIEM vorstellen kann,  in dem schon bei der frühkindlichen Erziehung prägnante Schritte für ein späteres und selbstverständliches Miteinander gelegt werden, in dem die deutsche Sprache den wichtigsten Baustein legt, aber auch die Herkunftssprachen als wichtige Ressource und Bereicherung erkannt werden.
Die heutigen älteren Muslime wurden meist als Arbeitsmigranten für vorübergehenden Aufenthalt in Deutschland von der Wirtschaft angeworben. Viele von ihnen möchten ihren Lebensabend nicht mehr, wie einst von ihnen erträumt, in den Herkunftsländern verbringen. Denn das Ideal von der Familienversorgung im Alter und der Solidarität der Kinder und der Großfamilie wird von der Moderne und dem demografischen Wandel auch in den muslimischen Familien verdrängt. Diese neuen Wege der Lebensgestaltung führen auch zu Belastungen und zu Orientierungsverlusten.

Dieser wachsenden Gruppe der älteren muslimischen Menschen sollen Angebote und Hilfestellungen zur Erhaltung der Lebensqualität und ihrer Selbständigkeit unterbereitet werden. Wir möchten einen Ort des Austausches und der Begegnung für Senioren, ob Muslim oder Nicht, schaffen, an dem sie sich nicht ausgeschlossen fühlen, sondern erleben dürfen, dass sie weiterhin wertvoller Teil der Gesellschaft sind und an ihrer Gestaltung mitwirken können. Das könnte z.B. in Form eines betreuten Wohnens oder aber auch einer ambulanten Einrichtung aussehen. Zudem stellen sich diese Muslime auch die Frage ihrer letzten Ruhestätte, die Überführung nach dem Tod, in die Herkunftsländer ist zwar noch häufiger anzutreffen, die Forderung nach muslimischen Friedhöfen und einer evtl. Sterbebegleitung und einer rituellen Bestattung jedoch immer mehr Bedürfnis.
In diesem Sinne versteht sich ZIEM als eine Art Querschnittsfunktion zwischen muslimischen Migranten und deutscher Gesellschaft.