MFI Blog

Früchte des Dialogs

4. Sep 2009 | Interreligiöser Dialog

Von Imam Benjamin Idriz

Eine dialogische Einstellung bildet die Grundlage für einen geschwisterlichen Geist und ein Zusammenleben in der gesellschaftlichen Pluralität. Dialog führt zu Partizipation. Obwohl Gott selbst das Universum führt und dazu von niemand Unterstützung braucht, steht er von Anfang an mit den Geschöpfen, Engeln und Propheten im Dialog.

Selbst mit dem Satan trat er in Kontakt (Koran 38:73-83). Die Propheten waren ständig im Gespräch mit den Regierenden und mit ihren Opponenten. Gott forderte von Mose und seinem Bruder Aaron, dass sie über Pharao, obwohl der die Kinder Israels bedrängte und unterdrückte, „in milden Worten“ redeten (Koran 20:44). Der Koran ist m.E. ein Buch des Dialogs; Er fordert und fördert Dialog, er ist voll von entsprechenden Beispielen.

Auch die Zehn Gebote bilden eine Grundlage für den Dialog für das Judentum, das Christentum und den Islam (vgl. Koran 17:22-29). Dass der Koran Juden und Christen als „Leute des Buches“ ahlu-l kitab (diejenigen, die an göttliche Offenbarung glauben) bezeichnet, spricht nicht nur von Anerkennung, sondern von besonderer Wertschätzung des Gemeinsamen. Die Einladung des Korans an Juden und Christen zum „Gemeinsamen Wort“ (Koran 3:64) ist auch ein Appell zu gemeinsamem Handeln für die Wahrung der gemeinsamen Interessen und Werte.

Nach dem Tod des Propheten wird überliefert, dass eine christliche Delegation aus der Stadt Nedschran in seinem Haus, das zur Moschee geworden war, einen christlichen Gottesdienst feiern durfte. Mit Christen und Juden wurden in Medina gute Beziehungen und Freundschaften aufgebaut, sie erhielten Verfassungsrechte. Die „Urkunde bzw. Verfassung von Medina“, die der namhafte protestantische Theologe Julius Wellhausen übersetzt und bearbeitet hat, ist ein Partizipationsdokument, das weiterhin, auf Grundlage seines historischen Kontextes, studiert werden sollte.

In den 14 Jahrhunderten der islamischen Geschichte waren Angehörige anderer Religionen in der Regel unter den muslimischen Herrschern geschützt. Zahlreiche Kirchen und Synagogen in muslimischen Ländern wie Syrien, Ägypten, Tunesien belegen die Jahrhunderte alte Partizipation von Nicht-Muslimen in der jeweiligen Gesellschaft. In der Türkei sind es heute 320 Kirchen, bei nur 0,3 % Bevölkerungsanteil von Christen.

Der Besuch des saudiarabischen Königs Abdullah bin Abdulaziz, Träger des Titels „Beschützer der Heiligen Stätten von Mekka und Medina“, 2008 im Vatikan, und seine Initiative zu einer jüdisch-christlich-islamischen Dialogkonferenz im selben Jahr in Madrid, sind ermutigende Signale für einen zukunftsorientierten Neuanfang. Die unter gemeinsamer Federführung der Türkei und Spaniens unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen ins Leben gerufene „Allianz der Kulturen“ kann zu einem wichtigen Schutzschild gegen die Ängste werden, die der so genannte „Kampf der Kulturen“ (Samuel Huntington) heraufbeschwört.

Zu den konkreten Konsequenzen aus dem Dialog gehört, dass sowohl im Westen wie im Osten neue Gotteshäuser entstehen. In Europa werden in manchen Städten Moscheen und Islamische Zentren gebaut, in verschiedenen Ländern des Nahen Ostens entstehen neue Kirchen. In den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Emirat Sharjah, werden unter der Patronage und mit Unterstützung des Emirs Dr. Sultan bin Muhammad al-Qasimi acht Kirchen für die verschiedenen christlichen Konfessionen gebaut und zusätzliche finanzielle Mittel für deren Zwecke zur Verfügung gestellt.

Der Emir von Qatar Hamad bin Khalifa II. hat für fünf christliche Kirchen ein Grundstück zur Verfügung gestellt und übernimmt die Baukosten. Eine neue, große Kirche ist im Zentrum der Hauptstadt von Kuweit unübersehbar. Bei seinem Besuch im Nahen Osten hat Benedikt XVI. im Mai 2009 den Grundstein für eine Christliche Universität in der jordanischen Stadt Madaba gelegt, in einer Stadt, wo eine neu gebaute Moschee den Namen „Jesus Christus, Sohn der Maria“ trägt. Damit wird verdeutlicht: So wenig wie der Orient durch Kirchenbauten „christianisiert“ wird, wird Europa durch den Bau von Moscheen „islamisiert“.

Die Bemühungen um Dialog zwischen den Religionen haben in den letzten Jahren erfreulicherweise stark zugenommen. Auf institutioneller Ebene sind sie an sich jedoch nicht neu. Lange bevor die katholische Kirche sich im II. Vatikanischen Konzil 1962 für den Dialog mit anderen Religionen öffnete, war 1926 auf Initiative des World Muslim Congress das „International Islamic Forum for Dialogue“ gegründet worden. Es waren damit Muslime, die im 20. Jahrhundert den Dialog erstmals institutionalisierten. Nach der großartigen und historisch wichtigen Öffnung der Kirche durch das Konzil war es Papst Johannes Paul II., der mutige Zeichen für den christlich-islamischen Dialog setzte, die unvergessen bleiben werden. Die berühmt gewordene Vorlesung, die sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., in Regensburg hielt, und die von Muslimen als kränkend empfunden wurde, ließ zunächst einen Abbruch der Bemühungen befürchten. Bald aber belebte die Reise des Papstes nach Istanbul, sowie der Brief, den 138 muslimische Gelehrte aus aller Welt unter dem Titel „A Common Word“ an die Christenheit richtete, entfachte die Hoffnungen aufs Neue. Inzwischen wurde als Ergebnis des Briefes und als Antwort des Papstes darauf das „Katholisch-Islamische Forum“ gegründet, das den christlich-islamischen Dialog auf höchster Ebene voranbringt. Auch Protestantische Kirchen sind für den Dialog sehr offen und fördern die Zusammenarbeit mit Muslimen.

Wir dürfen zudem den Dialog nicht auf Muslime und Christen einschränken. Auch mit jüdischen Gemeinden muss ein konstruktives Miteinander gesucht werden. Von den tragischen Entwicklungen im Nahen Osten losgelöst, müssen die in Europa lebenden Muslime den Dialog mit Juden voranbringen. Juden und Muslime haben gemeinsame Grundlagen, wie die Tradition der Konvivenz in Andalusien und auf dem Balkan. Beide verpflichten uns zu neuen Bemühungen für die Zukunft.

Seit Jahrhunderten schon liegen Synagogen, Kirchen und Moscheen in Sarajevo auf engstem Raum neben einander. Das hat Bosnien nicht islamisiert – es hat das Land europäisiert!

Das beachtliche Engagement unzähliger ziviler Einrichtungen jenseits der großen kirchlichen Organisationen, wie etwa die Stiftung Weltethos, Gruppen und Initiativen wie die „Nymphenburger Gespräche“ in München, die Gesellschaft „Freunde Abrahams“ oder die „Eugen-Biser-Stiftung“ und zahlreiche weitere Institutionen, tragen viel dazu bei, dass Vorurteile und Klischees überwunden werden und Menschen zusammen kommen und sich kennen lernen. Wünschenswert wäre darüber hinaus auf nationaler Ebene ein „Interreligiöser Rat“, in dem die höchsten religiösen Repräsentanten regelmäßig miteinander gemeinsame Fragestellungen und aktuelle Entwicklungen erörtern und gemeinsam Stellung beziehen.

Wenn es eine Entdeckung ist, dass der Dialog das 21. Jahrhundert maßgeblich bestimmen wird, dann ist der Dialog jetzt schon die größte Entdeckung des Jahrhunderts. Niemand, schon gar nicht Muslime, dürfen sich ihm verweigern. Denn derjenige flüchtet vor dem Dialog, der zu wenig Vertrauen in sich selbst hat. Der Dialog kennt keine Vorbedingungen. Er muss immer wieder aufgenommen werden, ob die Bemühungen fruchten oder nicht, sie müssen weiter gehen. Miteinander nicht zu kommunizieren und sich abzusondern, widerspricht der Natur des Menschen. „Und streitet nicht mit dem Volk der Schrift; es sei denn auf die beste Art und Weise.

Ausgenommen sind jene, die ungerecht sind. Und sprecht: Wir glauben an das, was zu uns herabgesandt wurde; und unser Gott und euer Gott ist Einer; und nur Ihm sind wir ergeben.“ (Koran 29:46).
Im Dialog müssen wir nicht nur schöne, sondern die schönsten Worte und die besten Tätigkeiten finden. Über dem Schönsten steht die Ehrlichkeit. Dialog muss heißen, vor der Kamera das Gleiche zu sagen wie hinter der Kamera. Im Dialog erweisen sich Muslime als selbstbewusste und verantwortungsvolle Teilhaber an der Gesellschaft. Im Dialog gestalten wir die Welt, in der wir leben, mit.

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