Muslime in München

Eine Momentaufnahme
von Stefan Jakob Wimmer

Kuppeln über München
In der bayerischen Landeshauptstadt, mit knapp 1,3 Millionen Einwohnern, leben gegenwärtig geschätzte 80.000 Muslime – ca. 6% der Bevölkerung – mit meist türkischen oder ex-jugoslawischen Ursprüngen.1 Damit entspricht die Situation in etwa der anderer deutscher Großstädte.2 Dass sich gerade für München ein relativ reiches Spektrum an historischen Bezügen aufzeigen ließe, vom ausgehenden Mittelalter über die Folgen der Türkenkriege bis zu den Wittelsbacher Königen, soll hier nur bemerkt werden, gehört aber nicht zum inhaltlichen Anliegen dieses Beitrags.3 Dennoch darf zum thematischen Einstieg daran erinnert werden, dass das bekannteste Wahrzeichen der Stadt, die Türme der Frauenkirche, die Kuppel einer prominenten Moschee als bekrönende Inspiration vor Augen führen. Der Felsendom von Jerusalem nämlich, der zum Komplex der Al-Aqsa-Moschee, der drittheiligsten Stätte des Islam nach Mekka und Medina gehört, war offenbar Vorbild für die so genannten „welschen Hauben“.4 Die Erbauer im frühen 16. Jahrhundert hatten dabei freilich keine interreligiösen Bezüge im Sinn, sondern eine Reverenz an die Heilige Stadt der Christenheit und an deren heilsgeschichtliche Übertragung ins Himmlische.

Anfänge
Muslime zählen erst im 20. Jahrhundert zu den Einwohnern der Stadt, zunächst nur ganz vereinzelt. Bekannt geworden ist der als Nationaldichter Pakistans gefeierte Muhammad Iqbal (1877-1938), der an mehreren europäischen Universitäten Rechtswissenschaft und Philosophie studierte und 1907 an der Ludwig-Maximilians-Universität München über persische Mystik promovierte.1 Am Habsburger Platz, unweit dem Hauptgebäude der LMU, erinnert seit 1968 ein Denkmal an ihn.
Eine Muslimische Gemeinde bildete sich erst nach dem 2. Weltkrieg. Deren Ursprünge reichen etwas länger zurück, als in vielen anderen deutschen Städten. Sie formierte sich unter rund einhundert Angehörigen muslimischer Volksgruppen aus der damaligen UdSSR, aus dem Nordkaukasus vor allem und Zentralasien, die während des Krieges in der trügerischen Hoffnung, sich von der Herrschaft Stalins und vom Kommunismus befreien zu können, mit der deutschen Wehrmacht kollaborierten. Zusammen mit weiteren, so genannten DPs (displaced persons), die während oder als Folge des Krieges heimatlos geworden waren, wurden sie am Stadtrand Münchens, auf dem Gelände eines ehemaligen Außenlagers des KZ Dachau, angesiedelt. Dort, in der heute noch existierenden „Siedlung Ludwigsfeld“, wurde 1953 in einer Baracke ein muslimischer Gebetsraum eingerichtet.

Türkische Muslime
Eine wirklich einschneidende Entwicklung, die die heutige und künftige Situation begründete, leiteten dann, wie andernorts auch, die Anwerbeverträge der Bundesrepublik Deutschland mit der Türkischen Republik ein, die ab 1961 damals so genannte „Gastarbeiter“ in so großen Zahlen nach Deutschland, auch nach München, brachten, dass Muslime erstmals in – oder großenteils eher: neben – der deutschen Gesellschaft in Erscheinung traten und von dieser nun auch wahrgenommen wurden. Über die Hälfte der Muslime in München haben türkische Wurzeln, wobei hier nachgeborene Generationen mit eingeschlossen sind, und keine Aussage über die jeweils eigene Identitätsdefinition getroffen werden soll. Immer größer wird der Anteil derer, die sich selbst nicht mehr als „türkisch“, sondern als „türkisch und deutsch“, als „türkische Deutsche“ oder als „Deutsche mit türkischen Vorfahren“ verstehen. (s. auch unten „Moscheen“)

Bosnische Muslime
Unter den so genannten Gastarbeitern aus dem damaligen Jugoslawien1, die insgesamt die größte nationale Ausländergemeinde in München bildeten, waren Muslime neben katholischen Kroaten und orthodoxen Serben nur eine kleine Minderheit. Erst in Folge des Zusammenbruchs der Sozialistischen Föderation, ab den frühen Neunziger Jahren, wuchs durch den Zuzug von Bürgerkriegsflüchtlingen zunächst die bosnisch-muslimische Gemeinde auf über zehntausend Menschen. Die Rede ist hier nicht von institutionellen Mitgliedschaften, zumal – wie bei anderen Ethnien auch – als Muslime klassifizierte Bosnier nicht notwendigerweise einer Moscheegemeinde angehören, oder überhaupt eine definierte Religiosität vertreten. Ein Zentrum bosnisch-muslimischer Religionsausübung in München ist die Sabur-Moschee (Džema′at Sabur) in der Bodenseestraße, einer Ausfallstraße nahe dem westlichen Stadtrand.
Trotz seiner zahlenmäßigen Bedeutung wird der Islam bosnischer Couleur in der Diskussion um Integration und um vermeintliche und tatsächliche Gefahrenpotentiale selten wahrgenommen. Das mag daran liegen, dass gerade die auf dem Balkan – und damit in Europa – gewachsene Ausprägung islamischer Wirklichkeit wenig kulturelle Spannungspotenziale mitbringt. Umso wünschenswerter wäre es, dass diesem seit Jahrhunderten in Europa beheimateten Islam mehr Aufmerksamkeit zukäme. Dafür hat erst jüngst Dr. Rupert Neudeck, der Vorsitzende des Friedenskorps Grünhelme e.V. und Gründer des Komitees Cap Anamur, bei einer Veranstaltung in der LMU engagiert geworben.2 Tatsächlich kontrastieren die Verlautbarungen muslimischer Autoritäten aus Bosnien, wie etwa des Großmufti von Sarajewo Dr. Mustafa Ceric, in aller Deutlichkeit gegenüber den islamistisch dort eröffnete Dependence der „Islamischen Akademie Deutschland e.V.“ schiitisch-iranischer Prägung, mit Sitz in Hamburg, besteht inzwischen nicht mehr.
Afghanische Muslime sind während der Herrschaft des Taliban-Regimes ebenfalls in großer Zahl aus ihrer Heimat geflohen. Sie unterhalten mehrere kleine Gebetsräume. Ein prominenter Vertreter ist der seit Jahrzehnten in München lebende und im interreligiösen Dialog engagierte Imam Sidigullah Fadai.
Eine zahlenmäßig relativ große Gruppe stellen die über Tausend Migranten aus dem kleinen westafrikanischen Land Togo dar. Sie sind zum Teil in der „Muslimischen Vereinigung der Togolesen in Bayern e.V.“ organisiert.
Wenig in Erscheinung tritt die kleine Gruppe uighurischer Muslime. Sie stammen aus der chinesischen Provinz Sinkiang (Xinjiang). Der „Weltkongress der Uighuren“, eine separatistische Organisation, die das Land unter dem Namen Ost-Turkestan in die Unabhängigkeit führen möchte, hat in der Adolf-Kolping-Straße ihren Sitz.
Deutsche Muslime
Schließlich gehören zu den Muslimen in München selbstverständlich auch solche, die – oder deren Eltern oder Großeltern – nicht von auswärts zugezogen sind. Es gab immer auch Übertritte zum Islam. Verlässliche Zahlen hierüber existieren nicht1; in München werden es einige hundert Deutsche sein, die vorher einer anderen oder gar keiner Religion angehört haben und sich aus Überzeugung dem Islam zugewandt haben. Für eine Millionenstadt ist dies eine eher geringe Zahl, zumal offenbar mehr Übertritte z.B. zum Buddhismus, von esoterischen Gruppierungen ganz zu schweigen, zu verzeichnen sind. Offenbar kann nicht die Rede davon sein, dass „der Islam“ sich hierzulande – vom Zuwachs durch Zuzug abgesehen – in einem Maße ausbreiten würde, wie es nicht selten als bedrohlich dargestellt und noch häufiger so empfunden wird. Obwohl entsprechende Wunschvorstellungen, dass möglichst viele Menschen zum Islam finden möchten, unter Muslimen sicherlich weit verbreitet sind, ist doch der Gedanke, dass sich die Bevölkerung in Deutschland oder anderen westlichen Ländern scharenweise dafür gewinnen ließe, weder jetzt noch in Zukunft relevant. Die zunehmende Vermischung der Bevölkerung, andererseits, ist eine globale Erscheinung, die auch in Europa noch weiter fortschreiten wird. Bis zu einem gewissen Grade kollidieren islamische Kulturen ganz unverkennbar mit westlichen – gleichzeitig aber stoßen sie hier ganz offenbar an Grenzen des Wachstums. Eine organisierte Mission, mit dem erklärten Ziel Andersgläubige zum Islam zu bekehren, ist den Hauptströmungen des Islam ohnehin fremd. Die einflussreiche Kairoer Al-Azhar-Moschee und –Universität unter Leitung von Großscheich Sayyid Tantawi vertritt sogar dezidiert die Position, dass die Vielfalt der religiösen Wege, der Kulturen und Zivilisationen, als unveränderliche göttliche Ordnung im Koran verankert sei.2
Deutsche Muslime in dem eben angesprochenen Sinn (also ohne eingebürgerte Muslime, die die deutsche Staatsangehörigkeit erworben haben und deren Nachkommen) sind häufig in Sufi-Gruppierungen anzutreffen, die ganz betont friedlichen und gewaltlosen Strömungen anhängen.3 Daneben ist das „Islamische Zentrum München e.V.“ im Stadtteil Freimann Hauptanlaufstelle auch für deutsche Muslime. Dort wurde in den Jahren der Vorbereitung Münchens auf die Olympiade von 1972 die erste Moschee der Stadt errichtet, die als solche geplant und gebaut und nicht in einem bereits bestehenden Gebäude eingerichtet wurde.4 Sie ist bis heute, mit moderner Kuppel und blaugrün gekacheltem Minarett, das augenscheinlich repräsentativste islamische Bauwerk Münchens. Der Komplex liegt ganz am nördlichen Stadtrand, in der Umgebung der Isarauen, aber auch von städtischer Kläranlage und Mülldeponie. Zur Finanzierung trug damals der libysche Revolutionsführer Qaddhafi entscheidend mit bei. Auf die Moschee wurden 1981 und 1995 Brandanschläge verübt, die zum Glück nur Sachschäden verursachten. Betrieben wird das Zentrum von der „Islamischen Gemeinschaft in Deutschland e.V.“ (IGD), die auch die seit 1958 erscheinende Zeitschrift Al-Islam. Zeitschrift von Muslimen in Deutschland herausgibt.5 Langjähriger Vorsitzender ist der Ägypter Ahmad al-Khalifa. In der Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums tritt häufig der konvertierte Islamwissenschaftler Ahmad von Denffer in Erscheinung, der 1996 eine eigene Koranübersetzung vorgelegt hat.1 Von Denffer engagiert sich seit Jahren für das Hilfswerk „muslime helfen e.V.“, das von München aus weltweit humanitäre Hilfe in Entwicklungsländern und akut in Katastrophengebieten organisiert.

Der „Deutsch-Islamischen Schule“, die die IGD seit 1981 unweit der Moschee, in der Freisinger Landstraße, betrieben hat, wurde für das Schuljahr 2005/2006 überraschend die Genehmigung zum Weiterbetrieb entzogen. Vorausgegangen war ein Wechsel der Trägerschaft zu einem 2003 gegründeten „Deutsch-Islamischen Bildungswerk e.V.“, das mit der IGD personell und organisatorisch verflochten blieb. Mit gleichzeitiger Einstellung der staatlichen Schulförderung musste die Schule, ebenso wie ein angeschlossener Kindergarten, geschlossen werden.
In den Medien ist das Islamische Zentrum selbst wiederholt in Zusammenhang mit angeblichen Verbindungen zu fundamentalistischen, meist arabischen Kreisen genannt worden. Das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz sieht Verbindungen zur ägyptischen Muslimbruderschaft, die ihrerseits als islamistisch eingestuft wird.2 Zweifellos vertreten die Gemeinschaft und das Zentrum einen betont konservativen und an der arabischen Welt orientierten Islam. Insofern sind sie in ihrer Ausrichtung durchaus repräsentativ für weite Teile der islamischen Welt. Es muss freilich berücksichtigt werden, dass die öffentlich zugängliche Moschee keine Verantwortung dafür übernehmen kann, wer an den Gebeten teilnimmt, und sich dies ja auch nicht kontrollieren lässt. Die Freitagspredigt – ein Hauptelement im islamischen Gottesdienst – wird in der Freimanner Moschee meist in arabischer Sprache gehalten, zuweilen von geladenen Predigern auch aus dem Ausland, und simultan über Kopfhörer ins Deutsche übersetzt. Die Freitagsgebete sind auch für Nicht-Muslime frei zugänglich, und Besucher sind jederzeit, nicht nur am „Tag der offenen Moschee“, willkommen.3 Die überwiegende Mehrheit der Gottesdienstbesucher rekrutiert sich aus in München und Umgebung lebenden Arabern. Auch Reisende aus arabischen Ländern werden am ehesten die Moschee in Freimann aufsuchen. Zentraler gelegen sind drei kleine Gebetsräume mit arabischsprachiger Predigt, die Dar-al-Quran-Moschee in der Nähe des Hauptbahnhofs, die Omar-Moschee im Westend, und die Salaam-Moschee in Sendling.

Moscheen
Die überwiegend arabische, und deutsche, Gemeinde des Islamischen Zentrums in Freimann ist insofern nicht repräsentativ für die Mehrheit der Muslime in München, mit – wie bereits oben angesprochen – mehrheitlich türkischem Hintergund. Rund zwanzig Gebetsräume stehen den über 40.000 türkischsprachigen Muslimen Münchens zur Verfügung.4 Viele davon sind in äußerlich wenig ansprechenden, ehemaligen Fabrikräumen, in Hinterhoflage oder in Kellern eingerichtet. Damit ist ein Problem angesprochen, das mit Blick auf eine allseits und zu Recht geforderte, verträglichere Integration von Muslimen zu den drängendsten gezählt werden muss. Die Ausübung islamischer Religion in ein derartiges Millieu abzudrängen ist, zumal vor dem Hintergrund besonders sensitiven Würde- und Ehreempfindens bei den Betroffenen, eine geradezu verheerende Fehlentwicklung, die zu raschem und entschlossenem Gegensteuern herausfordert.
Einige wenige Moscheeräume werden von kleineren Gruppierungen, bzw. auf privater Basis, unterhalten. Eine gewisse Sonderrolle spielen dabei die als betont liberal geltenden Aleviten, die in der Türkei eine große Bevölkerungsgruppe außerhalb der sunnitischen Mehrheit stellen. Sie unterhalten im Stadtteil Am Hart ein eigenes Kulturzentrum. Zur „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş e.V.“ (IGMG) mit einer Zentrale im Bahnhofsviertel (Landwehrstraße), gehören weitere Gebetsräume in Berg am Laim, Milbertshofen und Pasing. Milli Göruş (dts.: „Nationale Anschauung“) vertritt eine streng konservative Richtung und wird mit rechten und ultra-rechten politischen Strömungen in der Türkei in Verbindung gebracht.5 Dabei bekennt sich die Organisation offiziell ausdrücklich zur deutschen Verfassungsordnung und sucht den Dialog sowohl mit der Öffentlichkeit wie mit anderen Religionen.

Jeweils fünf Moscheen werden von den zwei großen Verbänden DITIB und VIKZ betrieben. Der „Verband der Islamischen Kulturzentren e.V.“ (VIKZ), mit Sitz in Köln, orientiert sich nach eigenen Aussagen am Gedankengut des sufistisch beeinflussten Süleyman Effendi (1888-1959), der sich gegen Eingriffe des Staates in die private Religionsausübung wandte und dem türkischen Laizismus insgesamt skeptisch gegenüberstand, gleichzeitig aber die kemalistische Rechtsordnung der Türkei respektierte. Der Verband bekennt sich ausdrücklich zum interreligiösen Dialog. Er betreibt im Stadtteil Giesing, in der Martin-Luther-Straße, in einem großen ehemaligen Bürogebäude die innen sehr ansprechend ausgestattete Fatih-Moschee, mit angeschlossenem Schülerheim. Dort werden Besucher gern empfangen und durch die Räumlichkeiten geführt. Kleinere VIKZ-Moscheen bestehen im Bahnhofsviertel (Landwehrstraße) sowie in Stadtrandlage in den Stadtteilen Hasenbergl, Neuaubing und Neuperlach.
Bei DITIB („Diyanet İşleri Türk İslam Birliği“, „Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.“, Sitz in Köln) handelt es sich um den größten Dachverband türkisch-muslimischer Gemeinden, und um die mitgliederstärkste Organisation von Migranten in Deutschland. Sie operiert in enger Anbindung an das vom türkischen Staat getragene „Präsidium für religiöse Angelegenheiten“ und vertritt die Grundsätze der offiziellen Rechts- und Gesellschaftsordnung der Türkei. Die DITIB-Moscheen unterstehen derselben Kontrolle, wie Moscheen in der Türkei. So wird als Schutzmaßnahme gegen islamistische Tendenzen, in der Türkei wie in den Auslandsgemeinden, die Freitagspredigt von der staatlichen Religionsbehörde vorgegeben. Die Imame werden nach Deutschland entsandt, üblicherweise jeweils nur für wenige Jahre.
In München unterhält DITIB größere Moscheeräume in Sendling und Milbertshofen, und einen kleineren in Allach. Im Jahr 1999, fast dreißig Jahre nach dem Bau der Freimanner Moschee, konnte DITIB den zweiten, repräsentativen Moscheebau Münchens eröffnen. Die Haci-Bayram-Moschee liegt am Rand des dezentralen Stadtteils Pasing und fällt dort, in umittelbarer Nachbarschaft von alten Bauernhäusern, mit seiner kupfergedeckten Kuppel duchaus auf. Dem Wunsch der Gemeinde nach einem großen Minarett, wurde von der Planungsbehörde allerdings nicht entsprochen. Stattdessen zieren nun zwei kleinere, Minarett-ähnlich drapierte Entlüftungsrohre die sonst eher nüchterne Fassade. Der Gebetsraum selbst, unter der innen prachtvoll bemalten Kuppel, kann als Sehenswürdigkeit für den Stadtteil gewertet werden. Auch die von der Moschee angebotenen Führungen sind empfehlenswert, wie überhaupt die auf Offenheit und Dialog ausgerichtete Öffentlichkeitsarbeit der Pasinger Moschee zu ihrer geglückten Akzeptanz entscheidend beiträgt. Teilweise hitzig und nicht immer sachlich ins Feld geführte Widerstände während der Planungs- und Bauphase der Moschee sind seit ihrer Eröffnung erfreulich rasch und nahezu restlos verklungen: ein Beispiel, das als ausgesprochen ermutigend gewertet werden darf.

Inzwischen ist der Bau einer dritten Moschee in München in Planung. Sie wird von einem DITIB angeschlossenen, örtlichen Verein getragen1 und soll im Stadtteil Sendling, in etwas zentralerer Lage, entstehen. Damit ist der Bereich innerhalb des Mittleren Rings angesprochen; von einer Innenstadtlage, oder Nähe zum Stadtzentrum innerhalb des Altstadtrings, kann allerdings auch hier keine Rede sein. Der Standort ist vielmehr von der unmittelbaren Nachbarschaft zu den Gütergleisanlagen des Südbahnhofs und zur Großmarkthalle geprägt, mit einer Häufung von türkischen und anderen, internationalen Lebensmittelläden und Gastronomiebetrieben. Das bisher als Parkplatz genutzte Grundstück befindet sich am rechteckig gestalteten Gotzinger Platz genau vis-à-vis der neubarocken, katholischen Pfarrkirche St. Korbinian aus den 1920er Jahren. Der Platz selbst stellt räumlich den Übergang zu einem traditionellen Wohnviertel mit überwiegend Vorkriegsarchitektur her, in dem, in einer kleinen Nebenstraße, die bisherige Sendlinger Moschee in einem ehemaligen Gewerbebetrieb untergebracht ist.
Wie den Medien in München ausführlich zu entnehmen ist, verursacht das Bauvorhaben seit Bekanntwerden erhebliche Kontroversen, vor allem im Stadtteil selbst. Eine Initiative „Bürger für Sendling“ sammelte Unterschriften gegen das Projekt. Eine Arbeitsgemeinschaft „Begegnung am Gotzinger Platz“ bemüht sich dagegen um Dialog und vernetzt die anliegende katholische, evangelische und muslimische Gemeinde. Die frühzeitige Diskussion im Stadtbezirk verhalf dem Thema schnell zu Beachtung über das Stadtviertel hinaus. Der Katholikenrat der Region München, zusammen mit dem katholischen Dekanat München Laim und der Pfarrei St. Korbinian, in Abstimmung mit dem Bischofsvikar der Seelsorgsregion München, Weihbischof Engelbert Siebler, gab eine Stellungnahme heraus, die die Wahrung der verschiedenen Interessen der Betroffenen in den Vordergrund stellte, dem Projekt aber doch prinzipiell den Rücken stärkte.2 Siebler sprach von „einer architektonischen Konfrontation zwischen Kirche und Moschee“, die sich aber „bei gegenseitigem guten Willen auch als positiver Spannungsbogen zwischen zwei Weltreligionen interpretieren“ lasse.3 Tatsächlich könnte doch das Ensemble aus zwei benachbarten Gotteshäusern, mit den Doppeltürmen von St. Korbinian zur einen und den vorgesehenen, beiden Minaretten der Moschee zur anderen Seite, auch als gelungene Bereicherung des Stadtbilds gewertet werden, und den bislang eher wenig beachteten und bekannten Platz außerordentlich aufwerten.
Hier darf auch, und gerade vor den Hintergrund der Kontroverse um seine missverstandenen Äußerungen zu Islam, angeführt werden, dass Papst Benedikt XVI. bei seiner Ankunft in München am 9.9.2006 stärkere Anstrengungen anmahnte, damit die Muslime auch spürten, dass sie bei uns willkommen seien.4
Demgegenüber kritisierte Hans Podiuk, Vorsitzender der CSU-Stadtratsfraktion, dass Minarette „nicht stadtverträglich“ im „christlich-abendländisch gesprägten Sendling“ seien.5 Bei einer unverbindlichen Abstimmung während der Bürgerversammlung im Juni 2005 votierte, nach kontrovers geführter Diskussion, eine knappe Mehrheit der anwesenden Bürger gegen den Bau der Moschee. Der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) und Bürgermeister Hep Monatzeder (B90/Grüne) unterstützten das Projekt dennoch und trugen maßgeblich dazu bei, dass der Stadtrat das Projekt unterstützte. Eine Bauvoranfrage wurde von der städtischen Lokalbaukommission positiv beschieden. Über das geplante Aussehen der Moschee hat inzwischen ein Architektur-Workshop, unter Beteiligung des Stadtrats, des Bezirksausschusses und der Kirchengemeinde St. Korbinian entschieden. Im Sommer 2006 ergab eine erneute, wieder unverbindliche Abstimmung auf der Bürgerversammlung eine knappe Mehrheit für die Moschee. Nach Ankündigungen von Ministerpräsident Edmund Stoiber und auf Initiative des Bayerischen Innenministers Günther Beckstein hat jedoch die ihm unterstellte Regierung von Oberbayern als oberste Planungsbehörde am 18.9.2006 den städtischen Bauvorbescheid wieder aufgehoben, weil sich der Baukörper nicht ins Ortsbild einfüge. Unter scharfem Protest hat Stadtbaurätin Christiane Thalgott dagegen „verwaltungsrechtliche Auseinandersetzungen“ angekündigt.6 Damit wird der Bau der Moschee vermutlich verzögert, in seiner Ausführung möglicherweise beeinträchtigt, aber sicherlich nicht verhindert. Den Bedenken der Anwohner wird auf solche Weise nicht Rechnung getragen. Geht es hier doch – neben zwar verbreiteten, aber wenig seriösen Argumenten wie einem befürchteten Verkehrschaos und Parkplatznot – um die Sorge vor zunehmender Überfremdung und die Angst vor Islamismus in der unmittelbaren Nachbarschaft.

 

Konfrontation und Dialog
Dass es gerade auch der Bau von größeren Moscheen in zentralerer Lage ist, der der Integration von Muslimen notwendig dient, und damit das Element von Fremdheit abbauen hilft, wurde oben versucht aufzuzeigen. Zudem machen die Vorgänge der letzten Zeit doch deutlich, dass islamistische Terroristen zwar Moscheen frequentieren, üblicherweise aber gerade solche, die von DITIB betrieben werden, eher meiden, und überdies ihre Verbrechen nicht dort, sondern vielmehr konspirativ zuhause und über das Internet planen. In diesem Zusammenhang sollen abschließend noch einige positive Signale zur Sprache gebracht werden, die in jüngster Zeit in München zu verzeichnen waren. Bei einem interreligiösen Symposium im Münchner Rathaus (18.9.2006), das bewusst so genannte Reizthemen in den Mittelpunkt stellte, haben Muslime gegen den Missbrauch des Begriffs Dschihad Position bezogen und versucht zu vermitteln, dass ein „Heiliger Krieg“ weder damit, noch sonst religiös zu rechtfertigen sei. Die Veranstaltung wurde von der Landeshauptstadt München im Rahmen der städtischen Reihe „Monate des Trialogs der Religionen“ unterstützt.7 Eine Großdemonstration von Muslimen auf dem Marienplatz am 30.10.2004 setzte deutlich Zeichen gegen Terror und Gewalt aus den eigenen Reihen. Die Initiatorin, Hülya Kandemir, wurde dafür vom Ausländerbeirat der Landeshauptstadt und von der „Lichterkette München e.V.“ mit dem Förderpreis „Münchner Lichtblicke“ ausgezeichnet. Die türkisch-deutsch geprägte Gruppe „Interkulturelles Dialogzentrum in München IDIZEM e.V.“ hat ihrerseits im Juli 2006 Dialogpreise, unter anderem auch an MitarbeiterInnen des Erzbistums und der Kath.-Theol. Fakultät der LMU verliehen.8 Mitglieder von IDIZEM haben auch bei der von der Gesellschaft Freunde Abrahams e.V. im Dezember 2005 organisierten Mahnwache zur Befreiung von Susanne Osthoff und ihrem Fahrer in der Fußgängerzone Flagge gezeigt gegen Terror und den Missbrauch jeglicher Religion.9 Engagiert beteiligt haben sich dabei u.a. auch Ahmad al-Khalifa vom Islamischen Zentrum Freimann, irakische, deutsche und andere Muslime. Der Muslimrat München hat die Moscheen, und ausdrücklich „Gläubige gleich welcher Religion“ zu Gebeten aufgerufen und mit einem landesüblichen „Vergelt’s Gott“ dafür gedankt.10
Ausblick
Noch 1960 notierte Abt Dr. Hugo Lang O.S.B. in: Der Mönch im Wappen, die aus seiner Sicht optimistische Einschätzung: „Freilich erwies sich die ‚gute Erde’ Bayerns auch als eine assimilierende Kraft, so daß, wer immer im Schatten der Frauentürme lebte, ‚ein bißchen katholisch’ wurde.“11 Die heutige Weltstadt wird freilich auch die Qualität ihres bunten Bevölkerungsspektrums als bereichernde Selbstverständlichkeit begrüßen. Die muslimische Minderheit in München – oder stimmiger sollte man formulieren: die verschiedenen muslimischen Minderheiten – sind noch zu jung, als dass sie schon etabliert wären. Doch sind entsprechende Prozesse, mit manchen damit verbundenen Konflikten, in vollem Gang. Es bleibt zu wünschen, dass aus Muslimen in München mehr und mehr Münchner Muslime werden. In den Schatten der Frauentürme, mit ihren Kuppeln, würden sie gut passen.