10 Gedanken zur Philosophie von MFI
für ein konstruktives Miteinander in München

1. Innovativ

MFI (Münchener Forum für Islam e.V.) ist eine Initiative, die die bisherige muslimische Vergangenheit in diesem Lande herausfordern will, sich der Lebensrealität im Kontext der Gegenwart im Hier und Jetzt zu stellen. MFI ist ein aufrichtiges Angebot von Muslimen in München, die sich dem Gemeinwohl unserer Gesellschaft in Deutschland verpflichtet sehen. MFI ist eine progressive und innovative Initiative. Innovativ deshalb, weil dieses Konzept sich in einem Punkt von eingespielten muslimischen Strukturen unterscheidet: Es ist vollkommen abgekoppelt von Einflussnahmen durch die einstigen Herkunftsländer. Progressiv deshalb, weil es spezifisch auf das Hier und Heute und auf den heutigen, in Deutschland heimischen Muslim eingeht, und auf unser aller gemeinsame Zukunft hin ausgerichtet ist.

2. Integriert

MFI stellt es sich zur Aufgabe, den Islam in den europäischen Strukturwandel einzubeziehen. MFI möchte den gesellschaftlichen Diskurs um eine Neuorientierung der unterschiedlich geprägten religiösen Identitäten auf innovative Weise begleiten. MFI betrachtet es als zentrale Aufgabe, Musliminnen und Muslimen in Bayern zur Wahrung islamischer Identität und gleichzeitig zur Festigung der demokratischen und pluralistischen Gesellschaftsordnung in Deutschland ein wertvoller Partner zu werden. Um einen über die ethnischen Grenzen hinweg, auf europäischem Standard fundierten Islam zu etablieren, fordert MFI die Muslime und insbesondere die islamischen Organisationen auf, offensiv gegen den ‚Missbrauch des Islam’ vorzugehen. Solche Organisationen müssen darin bestärkt werden, sich einer interkulturellen Öffnung zu unterziehen und sich von fortgesetzter Orientierung und Beeinflussung aus den national geprägten Herkunftsländern zu lösen.

3. Identitätsstiftend

MFI richtet in erster Linie den Focus auf die Identifizierung der muslimischen Gesellschaft mit der Mehrheitsgesellschaft, nach dem Leitziel: Deutsch, Deutschland und der Islam stehen nicht im Widerspruch zu einander!

  • Islam  –  fernab von nationalen, politischen, ideologischen und räumlichen Einflüssen eines aus anderen Regionen exportierten Religionsverständnisses, eine gemäßigte und zeitgemäße islamische Lebenshaltung fördern.
  • Deutschland  –  das Land, an dem sich die neue Identität ausrichtet, kennen und schätzen, das Grundgesetz und die gesellschaftlichen Werte sich zueigen machen und sich aktiv in der Gesellschaft einbringen.
  • Deutsch  –  anerkennen, dass die Sprache die gemeinsame Grundlage bildet und Deutsch als verbindende Kommunikation in diesem Land einzusetzen ist.

Die heranwachsende junge Generation der Muslime, die sich mit Deutschland und seiner Sprache identifizieren, ist sehnsüchtig auf der Suche nach einer sichtbaren Adresse, die ihnen ihre Identität als Muslime, in ihrem Land, in ihrer Zeit bestätigt. MFI möchte diesen Graben überbrücken und sieht sich als Angebot einer in Deutschland verorteten Religionsgemeinschaft. Weiteres Ziel von MFI ist es, muslimische Organisationen und Initiativen über ihre ethnische Zusammensetzung hinaus zu vernetzen und zu einer effektiveren Kooperation untereinander und mit den staatlichen Organisationen beizutragen. Den Rahmen sollen regelmäßige Arbeitskreise und Veranstaltungen bilden, an denen alle Netzpartner beteiligt werden.

4. Bekennend

MFI´s Mitstreiter definieren sich als ‘europäische Muslime’. Sie wollen die Kulturen ‘verlinken‘, Islam und Moderne verbinden, konstruktiv und an Weltmaßstäben gemessen arbeiten. Sie wollen der Gemeinschaft, dem Land, ja der Menschheit insgesamt dienlich sein und sind dies auch. Sie sehen im Anderen keinen Gegner und Feind, sie instrumentalisieren nicht Religion für Politik, sie denken und fühlen nicht nationalistisch, extremistisch, und sie sind bemüht, die kulturellen, wissenschaftlichen, humanen, ethischen und ästhetischen Dimensionen der Religion zu entwickeln. Über ’universelle menschliche Werte’ hinaus sind sie um Werte wie Menschenrechte, Demokratie und Rechtsstaat, uneingeschränkte Glaubens- und Meinungsfreiheit, Pluralismus des Denkens, der Religionen, Sprachen und Ethnien, Sicherheit des Einzelnen wie des Landes, Bildung und Erziehung, Toleranz und Vertrauen innerhalb der Gesellschaft und Gerechtigkeit und Gleichheit zwischen den Individuen, Bewahrung der Schöpfung, Ehrlichkeit, Empathie und Moral bemüht. Daraus ergibt sich, dass der Mensch als Mensch gilt und das Umfeld nicht anders behandelt wird, als wenn es sich um die eigene Familie handeln würde. Es bedeutet auch, Familien-, Verwandtschafts- und Nachbarschaftsbeziehungen zu pflegen und zu achten.
Falls wir diese gemeinsame Orientierung als ‚Leitkultur‘ verstehen wollen, dann sollten Muslime eine aktive Rolle in ihrer Verwirklichung einnehmen. Wenn das gelingt, brauchen wir weder auf der einen Seite eine ‚Assimilation‘ zu fürchten, noch auf der anderen ‚Parallelgesellschaften‘ als Symptom einer gescheiterten Integration. Individuelle und gesellschaftliche Ursachen von Rassismus, Antisemitismus, Islamophobie und jegliche Art von Xenophobie und Diskriminierung, werden nur dann erfolgreich besiegt, wenn wir zusammen und im gemeinsamen Interesse daran arbeiten.

MFI würdigt und verinnerlicht den Kernsatz in unserem Grundgesetz “Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Der Schutz menschlichen Lebens und seiner Würde ist auch Glaubensfrage und zugleich Existenzfrage in einer menschenwürdigen Gesellschaft. Diese Erkenntnis teilt unsere Verfassung mit dem tradierten Werteverständnis der monotheistischen Religionen, die den Generationen vor uns Orientierung boten. Den drei großen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam gilt jedes menschliche Leben als heilig, d.h. als einzigartig und unantastbar. Der Islam stellt das Leben als höchste Gabe Gottes an seine Geschöpfe dar, deshalb steht auch jede Form von Gewalt, Terror und Selbstmord im Widerspruch zum Grundsatz des geheiligten Lebens.

5. Repräsentativ

MFI setzt sich für einen in Deutschland verorteten, institutionalisierten und fest strukturierten Islam ein. Auf Bundes-, Landes- und lokaler Ebene beklagen die öffentlichen Institutionen seit vielen Jahren das Fehlen repräsentativer muslimischer Stimmen. Obwohl ein Klerus im Sinne einer Priesterschaft dem Islam fremd ist, gibt es doch keine religiösen Vorbehalte gegen ein organisiertes islamisches Leben. Wenn der Islam in Deutschland sich institutionalisiert und den Status einer Körperschaft im Sinne einer anerkannten Religionsgemeinschaft erreicht, dann wird sich das sowohl zu Gunsten der Muslime, wie auch zum Wohl von Staat und Gesellschaft auswirken. Möglich wird dies nur in gegenseitigem Respekt und in Kooperation sein. Auch der Staat ist gefordert, die rechtlichen Voraussetzungen zu bereiten, auf die Muslime zuzugehen und ihnen bei ihren Bemühungen die Hand zu reichen. Von Seiten der Muslime sollte nun weitgehende Einigkeit über Folgendes erreicht werden: Ganz gleich aus welchem Land wir kommen und mit welchen Traditionen im Rücken wir unsere Gemeinden gegründet haben, wir werden uns loslösen müssen von in den früheren Heimatländern bestehenden Ausrichtungen und uns für die Beheimatung des Islam in Deutschland entscheiden. Das wird keinen Abbruch religiöser/spiritueller Beziehungen zu islamischen Ländern bedeuten, sondern das Ansehen und den Einfluss der deutschen und europäischen Muslime gegenüber der etablierten islamischen Welt, ohne gegenseitige Einmischungen, begründen und stärken. Eine solche repräsentative, an Deutschland orientierte, unabhängige Organisation mit besonderen Beziehungen zu Bund und Ländern wird direkter Interessenvertreter der Muslime und Ansprechpartner für Staat und Gesellschaft in allen relevanten Bereichen.

6. Rational

MFI setzt sich für einen aufgeklärten und rationalen Islam ein. Das beinhaltet, Religion und Wissenschaft miteinander zu versöhnen, Verstand und Geist nicht auseinander zu reißen, um der Wissenschaft willen nicht den Geist zu töten, aber auch nicht für den Geist die Realität zu verleugnen. Das Wiederaufleben der Religion in Europa sollte zu einer Durchdringung des modernen Denkens mit Geist, zu einem neuen Miteinander von Vernunft und Religion, und in Einklang mit moralischen Kriterien zu einer ‘neuen Aufklärung’ führen. Europa bereichert die Errungenschaft der Aufklärung jetzt mit religiösen Werten und geht seinen Weg weiter. Muslimische Intellektuelle und Theologen stehen vor einer gewaltigen Herausforderung. Das Prinzip Idschtihâd, der sich zur Handlung wandelnde kreative Gedanke, ist für den Islam der Mechanismus, der das rationale Denken in Gang bringt. Idschtihâd, das Hervorbringen neuer Ideen und Lösungen bei veränderten Verhältnissen, ist wie in Blutkreislauf. Gefriert er ein, dann gerät das Leben ins Stocken. In den Köpfen und im Leben der Muslime dominiert gegenwärtig nicht ein vernunft- und geistorientierter Islam, sondern ein von Traditionen und Ideologien unterwanderter und gleichsam von schwerer Krankheit gezeichneter Islam. In Europa wird es muslimischen Theologen und Wissenschaftlern heute möglich sein, das Unternehmen Idschtihâd wieder in Bewegung zu bringen und die Fehlentwicklungen in der Religion zu korrigieren. Europa bietet den aufgeklärten Muslimen die Chance, eine ’Islamische Renaissance’ zu verwirklichen, die nicht auf Konfrontation, sondern auf Konvivenz und Kooperation abzielt. Seit auf verschiedenen Kontinenten der Wind von Wandel und Reform spürbar ist, wird in der islamischen Welt von einer neuen islamischen Aufklärung gesprochen. Gerade in Europa, auch in Deutschland, müssen Muslime auf allen Ebenen verstärkt und federführend neue Antworten suchen und bereitstellen.

7. Gleichberechtigt

MFI setzt sich für die Gleichberechtigung von Mann und Frau ein. Mann und Frau sind vor Gott absolut gleichwertig. Frauen sind in ihrem Handeln und Wirken ebenso mündig wie Männer. Frauen haben das Recht am gesellschaftlichen Diskurs teilzuhaben, das Recht zu Lernen und zu Lehren, das Recht auf finanzielle und soziale Unabhängigkeit, das Recht zu wählen und gewählt zu werden, das Recht auf Selbstbestimmung. Jede Form von Verletzung, sei es körperlich, psychisch oder mental, ist auf das Schärfste zu verurteilen. Zwangsehen, so genannte Ehrenmorde und familiäre Gewalt haben keinerlei Grundlage in der Religion. Ein wesentliches Kriterium für die Verbesserung der Sozialisation der Frau und für ihre gleichberechtigte Aufnahme auch in die hiesige Gesellschaft ist ihre Einbindung in unterschiedlichste Bereiche des öffentlichen Lebens. Das aktive und sichtbare Mitwirken der muslimischen Frau, zunächst verstärkt innerhalb der islamischen Community und weiter getragen in die hiesige Struktur, wird ausschlaggebend sein für die Entwicklung unserer gemeinsamen, zukünftigen Gesellschaft. Hier setzt MFI dezidiert einen seiner Schwerpunkte und möchte den auf Frauenfragen zentrierten Tabuthemen mit Lösungsvorschlägen und durchdachten Arbeitsprogrammen entgegentreten.

8. Akademisch

MFI betrachtet als zentrale Aufgaben die Bereiche Bildung und Erziehung, soziale Integration, Engagement für Dialog und gegen Intoleranz. In diesem Sinne wird angestrebt, eine deutschsprachige, international repräsentative Moschee in modernen Architekturstil in Kooperation mit der Stadtgesellschaft zu verwirklichen, eine Einrichtung zur theologischen Aus- und Fortbildung für Imame aufzubauen, Angebote für Religionsunterricht zu unterbreiten, religiöse Dienstleitungen (wie z.B. Eheschließungen, Bestattungen) anzubieten, und Aufklärung über den Islam in dem oben dargestellten Sinn für die Öffentlichkeit zu leisten.
MFI möchte hier ansetzen und eine Ausbildungsstätte für Imame und andere Multiplikatoren wie ReligionspädagogInnen, SeelsorgerInnen und Gemeindevorsteher anbieten. Eine Imamausbildung im Inland würde nicht nur eine wünschenswerte Dynamik in die Entwicklung einer Theologie des Islams in Europa bringen, sondern auch gleichzeitig auf das religiöse Leben der Muslime reagieren, insbesondere der heranwachsenden Generation, ihre Religion in den europäischen Kontext einbinden, und dem Bedürfnis der Mehrheitsgesellschaft nach Aufklärung und Integration durch kundige Muslime entgegenkommen. Von in Deutschland in deutscher Sprache ausgebildeten Imamen profitieren die Gemeinden dadurch, dass die Voraussetzungen für die Entwicklung eines modernen, zeitgemäßen Islam – eines Islam in Europa – geschaffen werden.

9. Konstruktiv

MFI möchte den Sorgen der Bevölkerung, die nicht loszulösen sind von dem nach wie vor verbreiteten, negativen Image der Muslime, gegensteuern und einen so dringend notwendigen, effektiven Beitrag leisten, um die weitere Entwicklung auf für alle Seiten verträglichere Bahnen zu lenken. Zum einen wird ’Islam’ von Vielen als problematisch für europäisches Werteverständnis und die deutsche Gesellschaftsordnung wahrgenommen. Und zum anderen gelten Muslime noch immer weitestgehend als ’fremd’ und, trotz in Bayern geborener Generationen, kaum als beheimatet. MFI will einen wirksamen Mechanismus gegen die Fehlentwicklungen einer bisher nicht geglückten Integration, und gegen eine weitere Ausbreitung aggressiver Richtungen in Deutschland in Gang setzen. In diesem Sinne muss MFI, auch in seiner Außenwirkung, als Beitrag zu einem gerade nicht überfremdeten, sondern zu einem noch intakteren, ebenso bodenständigen wie bunten München verstanden werden. Effektiver, als das bisher und anderswo der Fall ist, soll Gettoisierung oder Parallelgesellschaften entgegengewirkt werden und ein Exempel, durchaus mit Strahlkraft über die Frauentürme hinaus, für eine gelingende moderne, europäische und bayerische Stadtgesellschaft versucht werden.

10. Kommunikativ

MFI möchte in Verantwortung für die Gesellschaft in Deutschland die Identität hier lebender Muslime in einem Sinne fördern, der dem Islam als friedlicher und an den Werten eines freiheitlichen, modernen Rechtsstaates orientierten Religion verpflichtet ist, und der ihrer Integration als engagierte und verantwortungsbewusste Bürgerinnen und Bürger dient. MFI will mit seiner Initiative auf allen erforderlichen Ebenen den Prozess der Integration unterstützen und beschleunigen. In diesem Sinne versteht sich MFI als eine Art Querschnittsfunktion zwischen Muslimen und deutscher Gesellschaft. MFI soll so eine interkulturelle Begegnungsstätte werden, ein Ort wo sich unterschiedliche Generationen von Muslimen aller Nationen treffen und einander kennen lernen. Alt und jung, Frauen und Männer, muslimisch oder nichtmuslimisch, traditionell oder liberal, deutsch, türkisch, kurdisch, bosnisch, arabisch, albanisch, afghanisch oder persisch – jeder und jede findet die entsprechenden Angebote und trägt somit zur positiven Gestaltung des Zusammenlebens in München bei.

Schwerpunktarbeit von MFI

  • Religiöse Aufklärungsarbeit
  • Innerislamischer Dialog
  • Interreligiöser Dialog
  • Kultureller Austausch
  • Soziale Integration
  • Bildung und wissenschaftliche Arbeit
  • Wahrung der demokratischen Werte
  • Bewahrung der Schöpfung

Kooperation

In diesem Sinne setzen wir auf die Zusammenarbeit und Partnerschaft der bayerischen Staatsregierung, der Landeshauptstadt München, aller demokratischen Parteien und Einrichtungen, der Religionsgemeinschaften und der Medien, um mit Ihrer Unterstützung dieses anspruchsvolle Vorhaben in München, mit Leuchtturmfunktion über unsere Landesgrenzen hinaus, ins Leben zu rufen.